Hirn an Herz (Teil2) |
| Veröffentlicht von Roland Weißsteiner am 10.03.2010 |
Hirn an Herz (Teil2)
Univ.-Prof. Dr .Dr .Dr. Wolfgang Mastnak
Präsident des Österreichischen Herzverbandes
Hypothalamus: die Steuerzentrale
Der etwa erbsengroße Hypothalamus ist eine der mächtigsten Steuerzentren des Körpers.
Vielfach wird es als „oberstes Integrationsorgan vegetativer Funktionen“ bezeichnet,
was so viel bedeutet wie der „Koordinations- und Kontrollchef aller
lebensregulierenden Funktionen“. Im Hypothalamus liegen die Zentren der Regulation
der Nahrungsaufnahme, also „Hunger und Durst“. Der Hypothalamus regelt den
Wärmehaushalt des Körpers. Er greift massiv in das Sexualverhalten ein und spielt
eine wichtige Rolle für das Langzeitgedächtnis. Er löst zur rechten Zeit die
Geburtswehen aus – und er greift auch in die Blutdruckregulation ein.
Im vorderen Teil des Hypothalamus, im sogenannten Nucleus supraopticus
(das heißt: dieser Kern liegt über der Sehnervkreuzung) wird das Hormon „Vasopressin“
(auch antidiuretisches Hormon oder ADH) erzeugt. Hauptaufgabe dieses Hormons ist es,
die Rückgewinnung von Wasser in der Niere zu bewirken. Zudem wirkt Vasopressin leicht
gefäßverengend, was zu einem Blutdruckanstieg führt.
Wird nun etwa bei zu geringem Blutvolumen durch sensible Nerven eine verminderte
Dehnung der Vorhöfe des Herzens registriert, so wird die Ausschüttung von Vasopressin
angeregt. Damit kommt es zu einer höheren Flüssigkeitsrückgewinnung: der Flüssigkeits-
haushalt wird wieder eingestellt – was sich auf das Blutvolumen auswirkt. Eine Form
der Schädigung dieses Kerns bzw. des damit verbundenen Hypophysenhinterlappens ist
als Diabetes insipidus bekannt.
Gegenwärtig wird auch die Funktion des Nucleus supraopticus für chronische Bluthoch-
druckerkrankungen diskutiert.
Stress
Im Österreichischen Herzjournal wurde vor kurzem auf die 2007 in den „Archives of
Internal Medicine“ erschienene Studie von Roberto De Vogli hingewiesen. Diese
Untersuchung an 9000 Britischen Beamten führte zu dem Ergebnis, dass massive
Probleme in der Beziehung die Wahrscheinlichkeit, in den folgenden 12 Jahren
einen Herzinfarkt zu erleiden, um 34% steigert. Stress wurde dabei als zentraler
Faktor für die schweren koronaren Krankheitsprozesse angenommen.
Wenn wir hier von „Stress“ sprechen, dann meinen wir freilich nicht, dass man
besonders viel Arbeit oder keine Zeit hat. Stress bedeutet hier einen Zustand,
der sich meist aufgrund langer Überlastungen und schweren psychosozialen Drucks
entwickelt. Stress schädigt die Gesundheit. Das betrifft besonders auch den
Herzpatienten. Die psychologische Stressforschung nennt dabei vor allem folgende
Stress-Risiken (die medizinische bzw. psychosomatische Forschung geht hier teils
allerdings etwas zurückhaltender vor):
• Bluthochdruck (essentielle Hypertonie)
• erhöhter Puls und erhöhte Herzbelastung
• Arteriosklerose
• Koronare Herzerkrankung / Infarktneigung
• Veränderung der Blutgerinnungseigenschaften
Grundsätzlich lassen sich Kurz- und Dauerstress unterscheiden.
Kurzstress
Diese sehr nützliche Stressform wird im Alltag oft nicht als „Stress“ bezeichnet.
Es sind kurze Phasen, die erhöhte Energie, Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit
oder Leistung erfordern. Im Gehirn läuft dabei ein sehr effizienter „strategischer“
Plan ab:
• Sinnesorgane liefern über Nervenbahnen die (codierten) Sinnesreize zum
Thalamus.
• Der Thalamus ist das zentrale Schaltzentrum, die „intelligente Verteilerbox“
des Gehirns. Informationen werden von dort zur Hirnrinde (Cortex) weiter-
geleitet.
• Spezialisierte Rindenfelder produzieren die „Wahrnehmung“, verarbeiten und
bewerten sie. Hier spielen die so genannten assoziativen Kortexfelder,
die auf die Integration von Information spezialisiert sind, eine
entscheidende Rolle.
• Brisante Informationen werden auf jeden Fall an das Limbische System im
Zentrum des Gehirns weiter geleitet. Das Limbische System ist essentiell
an der Entwicklung von Emotionen beteiligt. Ein noch nicht vollständig
erforschter Hirnkern, die Amygdala (Mandelkern) spielt hier bei der
schnellen Entwicklung von Affekten eine Hauptrolle. Diese starken
gefühlsbetonten Regungen sind oft kaum unter Kontrolle zu halten.
• Erhöhter Leistungsanspruch wird nun an den Locus caeruleus (blauer Kern)
im oberen Hirnstamm gemeldet. Hier werden 75% des Hirn-Noradrenalins
produziert.
• Dadurch wird das Sympathikus-Nebennierenmark-System aktiviert. Vor allem
durch Adrenalin ist der Mensch nun in erhöhter Leistungsbereitschaft.
Dauerstress
Ist die Belastungssituation nur kurz, zerfällt Noradrenalin relativ rasch und es
kommt zur körperlichen und psychischen Beruhigung.
Hält der „Stress“ allerdings an, wird er sozusagen zur „Normalform“, dann bleibt
die erhöhte Noradrenalinproduktion bestehen.
Cortex, Limbisches System und Amygdala bleiben in „erhöhter Alarmbereitschaft“.
Dies führt schließlich zu einer massiven Aktivierung des Nucleus paraventricularis
im Hypothalamus. Dieser bildet zusammen mit der Hypophyse das wichtigste und
oberste Zentrum zur Steuerung unseres Hormonsystems.
Im Hypothalamus wird das Auslösehormon CRH ausgeschüttet. Dieses verursacht in
der Hypophyse die Ausschüttung des Hormons ACTH.
Dadurch kommt es zur gesamten Erregung der Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse.
Der Mensch ist durch erhöhtes Kortisol im „Stress“.
Direkte Stresswirkungen kennt wohl jeder. Wobei teils schwer zwischen
Stresswirkung und komplexem Stressphänomen unterschieden werden kann.
Dominant sind zunächst oft:
• Herzrasen
• Blutdruckanstieg
• Schweißausbrüche
• Hitzegefühl und Wallungen
• Darm- und Blasenentleerung
• Muskelzittern
• Panikgefühle
• unkontrollierbare Gefühle
• Druck im Kopf
Dauerstress kann zum „Burn-out-Syndrom“ führen, das heute allerdings viel zu
oft „privat“ diagnostiziert wird. Symptome des echten Burn-outs sind:
• Somatische Erschöpfung: allgemeiner Energieabfall, Schwäche von Motorik,
Verdauung und Herz-Kreislauf, Schlafstörungen;
• Mentale Erschöpfung: Einbruch von kognitiver Leistungsfähigkeit und
Kreativität, Gereiztheit und Aggressivität;
• Emotionale Erschöpfung: Gefühl der Leere, Depressivität;
• Soziale Erschöpfung: Reduktion von sozialer Integrationsfähigkeit,
Empathie und Toleranz. Gesellschaftliches Desinteresse und soziale
Abkapselung.
Laut INTERHEART Study, die am 11 September 2004 veröffentlicht wurde, kommt
dem Stress eine bedeutende Risikofunktion für die Entwicklung von
Herzinfarkten zu.
Head-Zonen
Warum spüren viele Patienten einen Herzinfarkt dort, wo er sich nicht ereignet:
in der linken Brustwand und im linken Arm? Die Antwort liegt im Begriff
„Head-Zonen“. Informationen aus den inneren Organen und dem Versorgungssystem
des Körpers - zum Beispiel der Sauerstoffgehalt des Blutes – werden über so
genannte viszerosensible Bahnen zum zentralen Nervensystem weitergeleitet.
Diese Bahnen liegen in der Regel im sympathischen System. Dem Bewusstsein
sind diese Informationen allerdings nicht direkt zugänglich – sie haben
Steuerfunktion, die das Gehirn autonom regelt.
Nun liegt es allerdings im „System Mensch“, dass auch sensible Informationen
vielfach auf denselben sympathischen Bahnen transportiert werden. Eine
somatische Information ist beispielsweise das Spüren, dass eine Hand auf die
linke Brust drückt. Und nun der hilfreiche „Systemfehler“: wenn
viszerosensible Information kommt, kann sie unser bewusstes
Körper-Fühl-System nicht von somatischer Information, die auf der selben
Bahn transportiert wird, unterscheiden.
Im Fall der Angina pectoris oder des Herzinfarkts heißt dies:
Information über die Mangeldurchblutung wird an das zentrale Nervensystem
geleitet. Dabei wird auf der gleichen sympathischen Bahn gefahren, die
auch den linken sensorischen Nerven von 3. und 4. Brustwirbel gehört.
Diese vermitteln uns in der Regel das Körpergefühl in der linken Brustregion.
Aufgrund dieser „Doppelbelegung“ spüren wir den Infarkt-Schmerz im linken
Brustbereich und Arm.
Solche Head-Zonen gibt es übrigens nicht allein für das Herz. Rechter
Schulterschmerz kann beispielsweise auf Entzündungen der Gallenblase
oder Gallensteine hindeuten. Head-Zonen gibt es im Grunde für alle
Verdauungsorgane und das Uro-Genitalsystem.
Zum Beschluss
Vielleicht ist die eine oder andere Information in diesem Artikel nicht
gleich nach dem ersten Überfliegen einsichtig. Dieses Problem kennen
auch Hirnwissenschaftler, wenn sie sich an den Beginn ihrer Laufbahn
zurück erinnern. Und sie kennen es auch noch heute: wenn das Gehirn
Rätsel aufgibt und man nur mühsam den Funktionsprinzipien auf die
Schliche kommt.
Dennoch hoffe ich, dass bei so manchem Leser ein inneres Interesse
geweckt wurde, wie denn Hirn und Herz – oder ganz allgemein Hirn und
Körper – zusammenspielen. Das kann viel für das Wissen über „Wie
funktioniere ich eigentlich?“ bringen, das kann Einsichten in die
eigene Krankheit und Therapiemöglichkeiten erhellen. Das kann aber
einfach auch nur spannend sein.
Eines soll aber in dieser Komplexität dem Patienten immer bewusster
werden: die beste Einschätzung über Gesundheitszustand, Krankheit und
Therapiemöglichkeiten hat der ganzheitlich betrachtende und
entscheidende Arzt. Und dies ist ein guter Grund für Vertrauen und
verantwortlicher Zusammenarbeit: im Dienste des Lebens und der
Lebensqualität.
Zuletzt geändert am: 10.03.2010 um 10:28
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